Zu den Base Phi Representations:
Base Phi Minimum Binary, Base Phi Maximum Binary (2006)
Ein Zahlensystem mit dem goldenen Schnitt als Basis
Die Werke Base Phi Minimum Binary und Base Phi Maximum Binary basieren
auf einem Zahlensystem, das den goldenen Schnitt als Basis verwendet. Trotz der
irrationalen Basis, hat jede ganze Zahl eine einzigartige endliche Darstellung
in diesem System. Dieses Zahlensystem wird manchmal als Phinär
oder Phigital bezeichnet.
Die Werte des goldenen
Schnittes werden durch Phi = 1,618033989… und phi = ,618033989…
bezeichnet. Die folgende Tabelle gibt die Werte
der Potenzen des goldenen Schnittes an und illustriert eine interessante
Beziehung zu den Fibonacci-Zahlen:
|
Phi5 |
8 + 5phi |
11,0901699… |
|
Phi4 |
5 + 3phi |
6,85410197… |
|
Phi3 |
3 + 2phi |
4,23606798… |
|
Phi2 |
2 + 1phi |
2,61803399… |
|
Phi1 |
1 + 1phi |
1,61803399… |
|
Phi0 |
1 + 0phi |
1,00000000… |
|
Phi-1 |
0 + 1phi |
0,61803399… |
|
Phi-2 |
1 - 1phi |
0,38196601… |
|
Phi-3 |
-1 + 2phi |
0,23606798… |
|
Phi-4 |
2 - 3phi |
0,14589803… |
|
Phi-5 |
-3 + 5phi |
0,09016994… |
Diese Beziehung zu den
Fibonacci-Zahlen kann in folgender Gleichung zusammengefasst werden:
Phin = Fibn+1 + Fibn*phi
Im Folgenden
sind die ersten 11 Zahlen im Zahlensystem zur Basis Phi
aufgelistet:
|
Dezimal |
Potenzen
von Phi |
Phinär |
|
1 |
Phi0 |
1 |
|
2 |
Phi1+Phi-2 |
10.01 |
|
3 |
Phi2+Phi-2 |
100.01 |
|
4 |
Phi2+Phi0+Phi-2 |
101.01 |
|
5 |
Phi3+Phi-1+Phi-4 |
1000.1001 |
|
6 |
Phi3+Phi1+Phi-4 |
1010.0001 |
|
7 |
Phi4+Phi-4 |
10000.0001 |
|
8 |
Phi4+Phi0+Phi-4 |
10001.0001 |
|
9 |
Phi4+Phi1+Phi-2+Phi-4 |
10010.0101 |
|
10 |
Phi4+Phi2+Phi-2+Phi-4 |
10100.0101 |
|
11 |
Phi4+Phi2+Phi0+Phi-2+Phi-4 |
10101.0101 |
Ein Radixpunkt ‘.’ wird benutzt, um die Potenzen, die größer
als 1 sind, von denen, die kleiner sind, zu trennen.
Eine der vielen interessanten
Eigenschaften dieses Zahlensystems ist die Tatsache, dass sich zwei aufeinander
folgende Einsen “11“ nie in einer Darstellung befinden (die Darstellung 10101.0101, zum Beispiel, enthält kein “11“). Diese Zahlenfolge
nennt man auf Englisch „Base Phi Minimum Binary“. Man kann anhand eines Eliminierungsalgorithmus eine parallele Sequenz
schaffen, bei der die Darstellungen keine aufeinander folgenden Nullen
enthalten („Base Phi Maximum Binary“).
Unten sind die ersten 29 Glieder der beiden Zahlenfolgen aufgelistet:
Minimum Maximum
1 1. 1.
2 10.01 1.11
3 100.01 11.01
4 101.01 101.01
5 1000.1001 101.1111
6 1010.0001 111.0111
7 10000.0001 1010.1101
8 10001.0001 1011.1101
9 10010.0101 1101.1101
10 10100.0101 1111.0101
11 10101.0101 10101.0101
12 100000.101001 10101.111111
13 100010.001001 10111.011111
14 100100.001001 11010.110111
15 100101.001001 11011.110111
16 101000.100001 11101.110111
17 101010.000001 11111.010111
18 1000000.000001 101010.101101
19 1000001.000001 101011.101101
20 1000010.010001 101101.101101
21 1000100.010001 101110.111101
22 1000101.010001 101111.111101
23 1001000.100101 110101.111101
24 1001010.000101 110111.011101
25 1010000.000101 111010.110101
26 1010001.000101 111011.110101
27 1010010.010101 111101.110101
28 1010100.010101 111111.010101
29 1010101.010101 1010101.010101
Kompositorischer Prozess
Der Schaffensprozess bei
diesen zwei teilweise aleatorischen Werken unterscheidet sich stark von jenem bei
meinen elektroakustischen Werken und anderen Instrumentalwerken. Die endlose
Anzahl der Möglichkeiten solcher Stücke fordert mehr Zeit als sonst. Diese
Kompositionen verfasste ich über zirka vier Wochen. Erst nach zwei Wochen fing
ich an, sie zu notieren.
Die Idee zu diesen Stücken
entstand im Juli 2006 nachdem mein Freund Ron Knott,
ein britischer Mathematiker und Experte in Fibonacci-Zahlen, mich in die
Zahlenfolgen eingeführt hat. Bevor ich zu komponieren begann, entwickelte ich
ein Programm in Java, um die beiden Zahlenfolgen zu berechnen. Anhand einer
Liste der Zahlen fing ich an, festere Vorstellungen des beabsichtigten Klanges
zu erarbeiten. Ich stellte fest, dass sich ein besonders großes Klangpotenzial in
drei Instrumentationsvorstellungen befand. So
entstand die Aufteilung dieser Werke auf drei Versionen: für Schlaginstrumente von unbestimmter Tonhöhe, für Schlaginstrumente
von bestimmter Tonhöhe und für Instrumente
von bestimmter Tonhöhe.
Da diese Zahlenfolgen der
Lucas-Folge eng verwandt sind (einer anderen Fibonacci-Folge beginnend mit
2,1,3,4,7,11,18,…), kam ich zum Schluss, dass Aufführungen, die eine
Lucas-Anzahl gespielter Darstellungen beinhalten, das interessanteste Resultat
ergeben würden. Die Aufführenden fangen mit der Phi-Basis-Darstellung
für 1 an und spielen in aufsteigender Reihenfolge (im Dezimal-System 1,2,3,4,5,6,7,…,n, wobei n eine Lucas-Zahl ist).
In meiner Musik werden
Zahlenfolgen häufig durch Raumort dargestellt. Die
Möglichkeit, die Spieler im Raum zu platzieren, ist einer der größten Vorteile
von Instrumentalwerken gegenüber meinen stereo-elektroakustischen Werken, bei
denen der Raumort durch eine Phantomquelle simuliert
wird. Mir fielen drei interessante Möglichkeiten ein, wie die Aufführenden im Konzertraum
verteilt werden können; eine dieser Aufstellungsmöglichkeiten basiert auf den
Potenzen des goldenen Schnittes.
Ich bevorzuge in solchen
Komposition einen klaren, etwas harten Anschlag der gespielten Noten. Dies
spielt auch eine Rolle bei der Besetzung – nur Instrumente, die einen scharfen
Anschlag („crisp attack“)
erzeugen können, dürfen benutzt werden. Zur Fassbarkeit müssen alle
Aufführenden ihre Noten mit genau der gleichen Lautstärke und Artikulation wie
die anderen spielen.
Eine der schwersten
Entscheidungen, die ich beim Komponieren treffen musste, war die Frage, wie ich
das Werk notieren soll. Obwohl ich zur Klarheit auch traditionelle Notation in
der Partitur benutzt habe, entschloss ich mich den Aufführenden vorzuschlagen,
eine Liste der Zahlenfolgen selbst als Notation zu benutzen. Dies könnte wohl
viele Instrumentalisten vom Werk abschrecken. Es war aber eine wohlüberlegte
künstlerische Entscheidung; es ist mir wichtig, dass die Aufführenden ihre
Inspiration und Klangvorstellungen von der gleichen Quelle wie ich nehmen.
Zur Wirkung der Stücke
Die aleatorische Natur der
Kompositionen ermöglicht stark unterschiedliche Wirkungen der Aufführung. Wenn
die Zahlenfolgen schnell und laut gespielt werden, ist die Wirkung sehr
energetisch und intensiv. Bei langsameren Tempi werden die Stücke hypnotischer
und kontemplativer. Sehr kurze Aufführungen kommen flüchtig vor, längere
Aufführungen haben eine hochtrabende Wirkung.
In diesen und anderen
Stücken von mir werden die mathematischen Eigenschaften der benutzten Sequenz
in musikalische Eigenschaften umgewandelt. In der Folge ist das Klangerlebnis
umso interessanter, wenn man weiß, wie die Zahlenfolgen strukturiert sind.
Der Hauptaffekt der von den Fibonacci-Zahlen und dem goldenen Schnitt geprägten
Musik lässt sich schwer in Worten fassen. Einheitlichkeit, Ernst und Eleganz
sind vielleicht die Hauptmerkmale dieser Musik. Wenn man den Stil gut kennt,
findet man oft beim Hören einer auf einer unbekannten Zahlenfolge basierten
Komposition etwas, was von anderen Kompositionen in diesem Stil bekannt
vorkommt. Je mehr Musik man in diesem Stil hört, desto interessanter wird das
Klangerlebnis.
Das Stück Base Phi Minimum Binary hat einen etwas weiträumigen Charakter im
Vergleich mit Base Phi
Maximum Binary, welches einen dichteren Klang
erzeugt. Beide Stücke sind nichtsdestotrotz vom Charakter her sehr ähnlich.