Die historische AufführungspraxisSpiele die Musik auf den Instrumenten, für die die Musik geschrieben wurde ... keine schlechte Idee, oder? Das Stück wurde für Geige geschrieben, dann spiele es auf der Geige ... doch alle Geigen sind unterschiedlich. Nun könnten wir stundenlang über geringe Modifizierungen an Instrumenten diskutieren, und ob jene Instrumente zur Instrumentenklasse gehören könnten, für die unserer Ansicht nach der Komponist die Musik verfasst hat. Diese Frage ist also komplexer als man denken würde. Wir müssen uns überlegen, ob die Komponisten beabsichtigten, dass ihre Musik auf neueren Instrumenten gespielt werden soll, und ob es uns als Zuhörer überhaupt wichtig sein soll (oder ob unsere Meinungen zu ihrer Musik wichtiger sind). Um diese Fragen für mich selbst zu beantworten, verlasse ich mich auf meinen tiefsten Instinkt als Komponist und gesunden Menschenverstand. Ich stelle mir die Frage: Wenn ich Johann Sebastian Bach fragen würde, ob er es für gut hält, dass seine Musik auf wesentlich unterschiedlich klingenden modernen Versionen der ursprünglichen Instrumente, für die er die Musik geschrieben hat, gespielt wird, und ich zeigte ihm dazu z.B. wie die modernen Oboen, Geigen und Trompeten klingen, was würde er dazu sagen? Ich denke nicht, dass es seine Ohren unbedingt beleidigen würde, aber ich denke auch, dass es nicht einmal fraglich ist, dass er den Klang der Instrumente seiner Zeit bevorzugen würde. Warum sage ich das? Hauptsächlich wegen des Klanges seiner Musik und der Musik seiner Zeitgenossen, wenn sie auf Originalinstrumenten gespielt wird. Für mich ist das überhaupt der überzeugendste Beweis dafür. Mit einem gewissen Maß an gesundem Menschenverstand kann man beschließen, dass die Konstruktion der Instrumente und damalige Spieltechniken einen Einfluss auf die Weise hatten, wie der Komponist seine Musik verfasst hat. Meine Instinkte sagen mir, dass Komponisten eine enge musikalische Beziehung zu den Instrumenten ihrer Zeit entwickeln. Daher ist es mir klar, dass Komponisten ihre Musik lieber auf den Originalinstrumenten aufführen lassen würden. Ich glaube es überhaupt nicht, wenn Leute behaupten, dass Brahms oder Beethoven sich ein großes modernes Orchester und einen Steinway-Flügel vorgestellt haben. Die Behauptung ist gegenstandlos. Für mich ist die Frage einfach, ob es gleichgültig ist, was der Komponist beabsichtigte - natürlich ist es nicht. Ich respektiere nicht nur die Wünsche des Komponisten, sondern auch die Zeit, in der er gelebt hat. Wir sollten alle möglichen Mittel einsetzen, um die Atmosphäre der Zeit wieder herzustellen. Es ist kaum zu glauben, wie heftig einige Musiker darauf reagiert haben, als die historische Aufführungspraxis begonnen hat. Pinchas Zuckermann behauptete, dass die Originalinstrumente den Klang der Musik verschlimmern. Zuckermann ist vielleicht ein großer Musiker im technischen Sinne, aber in diesem Fall soll er sich schämen. Ich kann es persönlich nicht leiden, wie er Bach oder Vivaldi spielt. Ich finde es überraschend, dass die Gültigkeit der historischen Aufführungspraxis einmal in Frage steht...anderseits vielleicht doch nicht, wenn man daran denkt, wie weit verbreitet Aufführungen alter Musik auf modernen Instrumenten sind. Es ist in der Tat genau das gleiche oben erwähnte Phänomen umgekehrt, das die historische Aufführungspraxis in Frage stellt ... die Aufführende haben eine enge musikalische Beziehung zu den Instrumenten ihrer Zeit entwickelt, und sich an den Klang der alten Musik auf modernen Instrumenten gewöhnt, so dass der Klang der Originalinstrumente fremdartig vorkommt. 10. Juli 2002 Zurück zum Menü |